Wenn der Klavierhocker mal ins Wanken kommt
- Jaroslav Barbic

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 12 Stunden
Seit nun über zehn Jahren arbeite ich in der Gastronomie und Hotellerie. Es ist eine Branche, in der man früh lernt, stressresistent zu sein. Belastbar. Flexibel. Überdurchschnittlich leistungsbereit. Man arbeitet in jungen, dynamischen Teams, ständig im Wandel, mit Hands-on-Mentalität, viel Humor, flachen Hierarchien – und ab und zu einem kostenlosen Früchtekorb in der Kantine, wenn die Grosszügigkeit von der nächsten Budgetkürzung ablenken soll.

Morsches Holz und Kaffee
Ich schreibe diese Zeilen gerade aus dem Bistro-Wagen eines Zuges, bei einer Tasse Kaffee. Ein freundlicher Herr mittleren Alters setzt sich zu mir an den Tisch, stellt sich vor, und wir kommen ins Gespräch über Gott und die Welt. Ein Gedanke aus diesem Gespräch ist mir besonders geblieben. Er sprach von Stabilität im Leben und meinte: Ein Klavierhocker hat gewöhnlich drei Beine – das Minimum, um die Last stabil zu tragen. Diese drei Beine stehen sinnbildlich für unsere Säulen im Alltag: ein Dach über dem Kopf, ein gesundes soziales Umfeld und eine sinnvolle Arbeit, die uns ernährt. Knickt eines dieser Beine ein, gerät der Hocker ins Wanken. Der Griff zu Alkohol, Drogen oder anderen Suchtmitteln, um die Last zu betäuben, passiert schnell. Oft merkt man nicht, dass man sich bereits auf einer Abwärtsspirale befindet – bis es zu spät ist und auch die anderen Beine bereits morsch sind. Aus eigener Beobachtung in der Branche kann ich das nur bestätigen. Gerade in Feriendestinationen wirbt man damit, dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. In der Realität sind Arbeitslast und Arbeitsbedingungen oft härter als in der Stadt. Das gewohnte soziale Leben fehlt, die geografische Lage isoliert. Mitarbeitende in internationalen Teams wissen nicht immer, was man mit all der Landschaft anfangen soll. Mitarbeiterunterkünfte direkt am Arbeitsplatz sind Übergangslösungen für Saisoniers. Bezahlbarer Wohnraum, um sich ein stabiles Umfeld aufzubauen, ist rar. Das soziale Leben beschränkt sich häufig auf Arbeitskollegen. Die Arbeit fordert – körperlich wie mental. Und aus meiner Sicht wird sich diese Situation in der Hotellerie auf absehbare Zeit nicht grundlegend verändern.

Wenn der Klavierhocker mal ins Wanken kommt
Mit fünfzehn habe ich mich bewusst für ein abenteuerliches Leben entschieden – zwüsche Pfanne und Gipfel. Man lebt mal hier, mal dort. Die meiste meiner beruflichen Zeit hatte ich die Berge vor der Haustür. Der Freundeskreis wechselt mit der Stelle, die Arbeit selbst bleibt interessant. Lange Zeit war mein Handwerk das Hauptbein meiner Erfüllung. Doch was macht man, wenn der Hocker einmal ins Wanken kommt – wie etwa zu Covid-Zeiten? Die Berge haben meine Sicht aufs Leben und meine Arbeitsweise nachhaltig verändert – zum Positiven. Zu Beginn waren sie ein Zufluchtsort. Um den Kopf zu lüften, Stress abzubauen, dankbar zu sein für das, was da ist. Wenn ich draussen bei Minusgraden in einer Steilwand hänge und meinen Körper spüre – Hunger, Kälte, Durst, Müdigkeit – freue ich mich ehrlich auf eine warme Dusche, eine Mahlzeit und ein Bett. Wenn ich in einer klaren Nacht den Sternenhimmel betrachte oder in die klaffende Leere einer Steilwand hinuntersehe, wird mir bewusst, wie klein gewisse Probleme sind. Und wie gross sie im Alltag erscheinen können – in einem überreizten Umfeld voller unerfüllter Träume und Erwartungen. Wenn sich ein Gast an der Rezeption eine Stunde lang darüber aufregt, dass es im Winter in den Alpen schneit. Wenn das Team beim Briefing zusammengebrüllt wird, weil man es besser nicht weiss. Wenn der Direktor wie eine Wildsau durch den Betrieb pflügt und weder Wald noch Bäume sieht. Man bleibt ruhig. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Perspektive. Man klärt die Situation sachlich, mit Ruhe und manchmal sogar mit einem Lächeln. Diese Ruhe überträgt sich oft auch auf das Gegenüber.

Gespür für Realität
Regelmässig in die Berge zu gehen hilft mir, ein Gespür für Realität zu behalten. Mich körperlich zu fordern. Dinge einzuordnen. Oder sie bewusst auszublenden und Eindrücke einfach wirken zu lassen. Zudem trifft man unterwegs Menschen, die bereit sind, Aufwand in Kauf zu nehmen. Es braucht Charakter, um sich aus der Nebelsuppe zu erheben und einen steinigen, anstrengenden Weg zu gehen – nur um die Sonne wieder zu erblicken. Die Gespräche, die man führt, sind selten lang, aber echt und ohne Smalltalk. Auch wenn man mit Vertrauten unterwegs ist: Wenn der Atem fehlt, spricht man wenig. Man ist gezwungen, mit sich selbst klarzukommen. Das hilft, wenn das soziale Standbein im Alltag einmal wackelt. Draussen unter dem Sternenhimmel zu schlafen lehrt einen, eine warme Dusche und eine Toilette wieder zu schätzen. Die Freiheit, die man dort oben spürt, gibt Ruhe, Kraft und Ausdauer zurück – auch für die Arbeit. Die Hotellerie und Gastronomie bleibt für mich eine spannende Branche. Man begegnet vielen grossartigen Menschen, Charakteren und Meinungen. Man lernt, mit wenig auszukommen und das Beste aus dem zu machen, was man hat. Die Berge unterstzützen mich immer, wenn der Klavierhocker mal ins Wanken kommt.

Für jene, die fürchten, den Boden unter den Füssen zu verlieren
Wie in den Bergen gibt es auch im Leben mehrere Pfade. Die schönsten Momente erlebt man manchmal abseits des festgelegten Weges und versteckt – dort, wo sich ein neuer Horizont öffnet. Und wie so oft kann man zurück auf den Pfad schliessen, wenn einem die Aussicht doch nicht gefällt.




Bravo! 🔥✌️